Biella Schweiz

Das Loch

Eine Kurzgeschichte von Endo Anaconda

Vielleicht hatte er bloss zuviel gefeiert. Schämpis und fette Häppchen. Eventuell lag es aber auch nur an der Arbeitsüberlastung. Der Absturz kam am Morgen nach dem Kundenanlass. Nur noch Blau am Monitor und in ihm selbst. Bluescreen of Death (BOD). Der Steuerpflichtige A. fiel, Spiralnebel knisternden Papiers hinter sich herziehend, durch dieses jenseitige Loch. Direkt auf den Rücksitz eines mit «Mechmed-Taxi» beschrifteten 1972-er Toyota Crown, welcher vom schlecht rasierten, unablässig auf ihn eintextenden Chef des Unternehmens selbst pilotiert, mit einem Affenzahn über die Pisten einer ihm unbekannten Wüstenlandschaft gejagt wurde. Jener hätte in Bern Betriebsökonomie studiert, registrierte A. nebenbei, bevor er nun auf immer und ewig gestresste KMU-ler mitsamt den erforderlichen Unterlagen zu den entsprechenden Abteilungen des definitiven Inspektoren Inspektorates kutschieren muss. Im Falle A’s war es die Abteilung CH55, zu welcher dieser, Zwecks definitiver Veranlagung aufgeboten war. Es ging um die letzten 53 Jahre. Der schwammig durch die Kurven schlingernde Crown ging fast zu Boden unter der Last, während A. fiebrig versuchte auf dem Rücksitz etwas Ordnung in das vergilbte Chaos zu bringen. Bei dem Haufen Quittungen müsse er ja ziemlich Dreck am Stecken haben, einiges auf dem Kerbholz sozusagen, meinte der rasende Fellache und entblösste eine Reihe respektabler Goldzähne. Wenn all die buchhalterischen und steuertechnischen Versäumnisse tatsächlich von der Inspektionsbehörde ins Kerbholz geschnitzt würden, dann könnte die Schweiz mit den angefallenen Festmetern Holz den Funken zur Bundesfeier der Schweizerischen Botschaft in Teheran befeuern, entgegnete der durchgeschüttelte Bürolist, verzweifelt auf seinem Kalkulator herumtippend. Da könne die Schweiz zeigen, dass sie mit ihren Kerbholzstapeln durchaus über heimische Energieressourcen verfügt und niemand müsste mehr meinen, wir seien vom Erdöl abhängig und unsere verehrte Bundesrätin Michelin Calmy-Rey wäre zum Islam konvertiert, nur weil sie, als Schutz gegen die sengende Sonne, anlässlich ihres Iranbesuches ein Kopftuch getragen hat. Glich sie doch mit ihrem Kopfputz eher der Jeanne Moreau als einer bekennenden Muslimin. Das sei im Fall kein Witz, die hätten ein Höllenchaos da oben, blaffte der Fahrer zurück. Das Inspektorat würde sich betreffend Datenerfassung und Dokumentation nämlich noch immer auf assyrischen Tontäfelchen, Kerbhölzer, ozeanische Knotentechniken, Papier und Pergament stützen. Pergament sei, wegen der vielen Veganer im Himmel aber nur mehr schwer aufzutreiben. Zudem sei der letzte Buchbinder ins Nirwana ausgesourst worden und die Unterlagen aus der vatikanischen Bibliothek zur Zeit nicht greifbar. A. müsse sich in orientalischer Geduld üben, das Inspektoren Inspektorat würden gerade auf eine hundertjährige Veranlassungsperiode umstellen, das könne noch ewig gehen. Ausserdem klinge der Name «Ananda» für seine Ohren eher indisch, ja fast vedisch. Was heissen würde, dass er A. eigentlich eher bei der Amtsstelle HIN55 abliefern müsse und nicht bei CH55. «ANACONDA» brüllte der nun völlig entnervte Bürolist gegen den im zweiten Gang dahin fräsenden Toyota an, «Ich bin Tessiner und Christ!»

Wohl ein wenig zu emotional, rumpelte doch der Toyota ausgerechnet in diesem Moment über ein Schlagloch. Ein abgewetzter «Weltwoche» Plastiksack, gefüllt mit der längst fälligen Steuererklärung 03, löste sich vom Dachträger und zerplatzte beim Aufprall. Das Durcheinander verselbständigte und verteilte sich fleddernd, von gewaltigen Luftwirbeln durchwühlt in der Landschaft. Die sofort, mit wippendem Heck eingeleitete Vollbremsung katapultierte den Rest vom Dach. Das Übrige erledigte der Wind.

Danach irrte er nur noch planlos herum. Auf der verzweifelten Jagd nach seinen Dokumenten. Durch eine endlose Wüste raschelnden Papiers. Bis er dann in diesen ausgetrockneten Brunnen stürzte. Durch all die dokumentarischen Schichtungen jahrtausendelanger menschlicher Betriebsamkeit. Direkt an seinen Schreibtisch. In einen ergonomisch optimierten Bürostuhl. Dort fand er sich durch das Loch eines Bundesordner starrend, hinter dem er sich verschanzt hatte um ungestört von den Blicken der Beamten im gegenüberliegenden Verwaltungsgebäude ein Nickerchen zu machen. Immer noch blau illuminiert von seinem Bildschirm. In seinem Büro, welches bezüglich Raumaufteilung und Ästhetik perfekt auf die Bedürfnisse seiner sich in allen Farbklängen, den Wänden entlang giessenden Bundesordner abgestimmt war. Sogar die Hodlerreproduktion mit dem Holzfäller harmonierte Ton in Ton mit der Büroeinrichtung. Das verlieh dem Raum eine ordentliche Atmosphäre. Falls je jemand vorbei kommen sollte. Einige Ordner hatte er schräg gestellt oder aufgeschlagen um Betriebsamkeit vorzutäuschen. Eine Tarnung für das Chaos, welches sich hinter der Fassade der Bundesordner mit den Jahrzehnten breit gemacht hatte. Instabile Stapel, Berge von rutschenden, vollgestopften Plastiktüten. Lose verschnürte Ballen, Zettel, Wische, AHV-Abrechnung, Alimentationsbescheinigungen, Krankenkassenbelegen, Quittungen etc…. welche alle noch in den entsprechenden Ordnern abzulegen wären.

Ein Datendschungel, zu dessen Rodung ihm nur noch 14 Jahre zur Verfügung stehen. Die Zeit welche ihm noch bis zu seiner Pensionierung bleibt. Allein der Gedanke an den Umfang der liegengebliebenen Arbeit machte ihn wieder schläfrig. Obwohl dieses beklemmende Gefühl in seiner Brust, welches er seit Wochen zu spüren geglaubt hatte, angesichts seiner wartenden Bundesordner einer Art leiser Zuversicht wich. Einer matten Dankbarkeit dafür, in jenem Land zu leben, in welchem es offiziell irgendwelches buchhalterisches Durcheinander gar nicht gibt. In einer sicheren Heimat, in welcher das beste Ablagesystem der Welt erfunden wurde, um seine Einwohner und den Planeten vor dem Konkurs zu retten: Nämlich «the one and only» Bundesordner. Noch hat das Chaos nicht gesiegt, durchrieselte es ihn zufrieden, bevor er wieder einschlummerte.

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